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Potential und Bezugspunkt

Was ein elektrisches Potential ist, warum jede Spannung einen Bezugspunkt braucht und wie du mit Potentialen und negativen Spannungen rechnest.

5 Min. LesezeitPotentialBezugspunktMassePotentialdifferenz

„Am Ausgang liegen 2,5 V“ – solche Sätze hörst du ständig, obwohl eine Spannung eigentlich immer zwischen zwei Punkten liegt. Gemeint ist das Potential des Ausgangs gegenüber einem stillschweigend vereinbarten Bezugspunkt, meist Masse. Wer das Prinzip einmal verstanden hat, liest Schaltpläne schneller und vermeidet Messfehler, besonders bei Schaltungen mit negativen Spannungen.

Potential: die „Höhe“ eines Punktes

Im elektrischen Feld hat jede Ladung an jedem Ort eine bestimmte potentielle Energie – ähnlich wie ein Stein, der in einer bestimmten Höhe liegt. Das elektrische Potential φ (griechisch phi) ist diese Energie bezogen auf die Ladung:

φ = WQ

Seine Einheit ist wie bei der Spannung das Volt. Der entscheidende Unterschied: Ein Potential ist nur sinnvoll, wenn du festlegst, wo die „Höhe null“ liegt. Dieser Punkt heißt Bezugspunkt oder Bezugspotential.

Die Spannung zwischen zwei Punkten A und B ist dann einfach die Potentialdifferenz:

UAB = φA - φB

Ein positives Potential bedeutet, dass der Punkt höher liegt als der Bezugspunkt, ein negatives, dass er tiefer liegt. Im Schaltplan zeichnet man ein Potential – wie eine Spannung – als Pfeil, und zwar vom betrachteten Punkt zum Bezugspunkt. Ein Spannungspfeil zeigt vom höheren zum niedrigeren Potential: an einer Quelle vom Plus- zum Minuspol, an einem Verbraucher in Richtung der technischen Stromrichtung, denn der Strom fließt durch den Verbraucher immer vom höheren zum niedrigeren Potential.

Ein Vergleich aus dem Alltag: Die Höhe eines Berges gibst du über dem Meeresspiegel an. Der Höhenunterschied zwischen Gipfel und Hütte bleibt aber derselbe, ob du ab Meeresspiegel oder ab Talboden misst.

Berg mit Gipfel auf 2000 m und Hütte auf 1500 m über dem Meeresspiegel
Gipfel und Hütte liegen 500 m auseinander – egal, ob du ab Meeresspiegel oder ab Talboden misst.

Masse als Bezugspunkt

In fast jeder Schaltung ist der Minuspol der Versorgung der Bezugspunkt. Er heißt Masse oder GND (Ground) und bekommt das Potential 0 V. Alle Spannungsangaben im Schaltplan und in Datenblättern – „VCC = 5 V“, „Ausgang high = 3,3 V“ – sind Potentiale gegen diese Masse. Wie sich Masse, Schutzerde und Gehäuse unterscheiden, erklärt Masse, Erde und Ground.

Spannungsteiler aus zwei Widerständen mit Potentialen an jedem Knoten
Jeder Knoten hat ein Potential gegen Masse; die Spannung an einem Bauteil ist die Differenz.
Gleicher Spannungsteiler zweimal: Masse unten mit +12 V, +6 V, 0 V und Masse in der Mitte mit +6 V, 0 V, −6 V
Ein anderer Bezugspunkt verschiebt alle Potentiale, die Spannungen an R1 und R2 bleiben je 6 V.

Negative Potentiale und symmetrische Versorgung

Liegt ein Punkt tiefer als der Bezugspunkt, ist sein Potential negativ. Das ist nichts Exotisches: Viele Operationsverstärker-Schaltungen arbeiten mit einer symmetrischen Versorgung von ±12 V oder ±15 V. Dazu werden zwei Quellen in Reihe geschaltet und ihr Verbindungspunkt als Masse genutzt. Gegen diese Masse hat die eine Schiene +12 V, die andere −12 V; zwischen den Schienen liegen 24 V.

Zwei 12-V-Quellen in Reihe, Verbindungspunkt an Masse, Ausgänge +12 V, 0 V und −12 V
Symmetrische Versorgung: Der Mittelpunkt ist Masse, die Schienen liegen bei +12 V und −12 V, zusammen 24 V.

Potentiale messen

Ein Voltmeter misst immer eine Potentialdifferenz. Um ein Potential zu messen, legst du die schwarze Messleitung (COM) an den Bezugspunkt und tastest mit der roten Leitung die Punkte der Schaltung ab. Zeigt das Gerät einen negativen Wert, liegt der Punkt unter dem Bezugspotential. Bei der Fehlersuche ist das die schnellste Methode: Einmal Masse festklemmen, dann Knoten für Knoten prüfen, ob die Potentiale zu den erwarteten Werten passen.

Multimeter mit COM an Masse und roter Messleitung an einem Knoten einer Widerstandskette
Potential messen: COM bleibt an Masse, mit der roten Leitung tastest du die Knoten ab.

Äquipotentialflächen und Potentialausgleich

Punkte gleichen Potentials bilden Linien oder Flächen, die Äquipotentialflächen. Zwischen ihnen liegt keine Spannung, also fließt auch kein Strom, wenn du sie verbindest. Ein idealer Leiter ist durchgehend eine Äquipotentialfläche – deshalb haben alle Punkte eines Netzes im Schaltplan dasselbe Potential.

In der Praxis stimmt das nur näherungsweise: Fließt ein großer Strom durch eine Masseleitung, entsteht an ihrem Widerstand ein Spannungsabfall. Dann haben zwei „Masse“-Punkte plötzlich unterschiedliche Potentiale, und empfindliche Messsignale werden verfälscht. In der Gebäudetechnik verbindet der Potentialausgleich alle leitfähigen Teile (Wasserrohre, Heizung, Schutzleiter), damit zwischen ihnen keine gefährliche Spannung entstehen kann.

Selbsttest

Punkt A hat 5 V, Punkt B hat 1,8 V gegen Masse. Wie groß ist die Spannung zwischen A und B?

UAB = 5 V - 1,8 V = 3,2 V.

Ändert sich die Spannung an einem Widerstand, wenn du einen anderen Bezugspunkt wählst?

Nein – nur die Potentiale ändern sich, ihre Differenz bleibt gleich.

Was bedeutet ein Potential von −12 V?

Der Punkt liegt 12 V unter dem Bezugspunkt; zwischen ihm und Masse liegt eine Spannung von 12 V mit umgekehrter Polarität.