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Spule (Induktivität) als Bauteil

Welche Bauformen und Kernmaterialien es bei Spulen gibt, was Sättigungsstrom, DCR, Güte und Eigenresonanz im Datenblatt bedeuten und wie du die passende Spule wählst.

9 Min. LesezeitSpuleInduktivitätDrosselFerritkern

Neben dem Schaltregler-IC auf einem Mainboard sitzt ein grauer Würfel, im Netzteil steckt ein Kupferring auf einem gelben Kern, im Funkmodul liegt ein winziger Chip, kaum größer als ein Sandkorn. Alle drei sind Spulen. Sie speichern Energie im Magnetfeld, glätten Ströme, sperren hochfrequente Störungen und bestimmen zusammen mit einem Kondensator Frequenzen. Wie sich eine Spule beim Ein- und Ausschalten verhält, steht unter Spule im Gleichstromkreis. Hier geht es um das Bauteil: Bauformen, Kernmaterialien und die Kennwerte, nach denen du auswählst.

Aufbau und Funktionsweise

Eine Spule besteht aus Draht, der in Windungen gewickelt ist – frei tragend, auf einem Spulenkörper oder auf einem Kern. Fließt Strom, baut sich ein Magnetfeld auf (siehe Elektromagnetismus). Jede Stromänderung ändert das Feld, und das Feld induziert eine Spannung, die der Änderung entgegenwirkt. Diese Selbstinduktion ist die Eigenschaft, die man nutzt; ihr Maß ist die Induktivität L in Henry (H). In der Elektronik sind Werte von wenigen Nanohenry bis zu einigen Millihenry üblich.

Wie groß die Induktivität wird, hängt von der Windungszahl N und vom Kern ab. Hersteller fassen Kerngeometrie und Material im AL-Wert zusammen, der Induktivität pro Windung zum Quadrat:

L = AL · N2

Die Windungszahl geht also quadratisch ein: Doppelt so viele Windungen ergeben die vierfache Induktivität. Woher das kommt, zeigen magnetische Größen mit Fluss, Permeabilität und Durchflutung.

Der Kern bestimmt fast alles Weitere. Ein Material mit hoher Permeabilität bündelt das Feld, sodass für dieselbe Induktivität weniger Windungen und damit weniger Draht nötig sind. Dafür kann der Kern nur eine begrenzte Flussdichte aufnehmen. Ist sie erreicht, ist der Kern gesättigt: Zusätzlicher Strom verstärkt das Feld kaum noch, die Induktivität bricht ein.

KernmaterialPermeabilität (relativ)SättigungEinsatz
Luft, Keramik1keineHF-Spulen, Schwingkreise, sehr linear
Ferrit MnZnetwa 1000–15 000hart, schon bei etwa 0,3–0,5 TÜbertrager, Drosseln bis einige 100 kHz
Ferrit NiZnetwa 10–1500hartEntstörung, HF bis einige 100 MHz
Eisenpulveretwa 10–100weich, über 1 TSpeicherdrosseln, Netzfilter
Metallpulver (Legierungen)etwa 25–150weich, über 1 Tmoderne SMD-Leistungsinduktivitäten
Elektroblecheinige 1000etwa 1,5 T50-Hz-Drosseln und -Trafos

Ferrite sind keramische Oxide und leiten kaum, deshalb fließen in ihnen fast keine Wirbelströme. Pulverkerne bestehen aus winzigen, isolierten Metallkörnern; zwischen den Körnern liegt ein „verteilter Luftspalt“. Das senkt die Permeabilität, macht die Sättigung aber sanft statt schlagartig. Ferritkernen gibt man für Leistungsanwendungen oft einen echten Luftspalt mit demselben Ziel.

Schaltzeichen

Nach IEC 60617 zeichnest du eine Spule als Reihe von Halbkreisbögen. Ein durchgezogener Strich parallel zur Wicklung kennzeichnet einen Magnetkern. Ältere deutsche Pläne zeigen die Spule als schwarz gefülltes Rechteck – dieses Symbol ist veraltet, begegnet dir aber in Altunterlagen. Das Kurzzeichen ist L (L1, L2 …), der Wert steht daneben, etwa „10µ“ oder „4µ7“. Weitere Symbole findest du unter Schaltzeichen.

Schaltzeichen der Spule nach IEC ohne Kern und mit Magnetkern, daneben das veraltete gefüllte Rechteck
Halbkreisbögen nach IEC, ein Strich für den Magnetkern; das gefüllte Rechteck stammt aus alten DIN-Plänen.

Wichtige Kennwerte

Im Datenblatt einer Spule stehen neben der Induktivität vier Größen, die über die Eignung entscheiden:

  • Induktivität und Toleranz: gemessen bei kleinem Strom und einer bestimmten Frequenz, oft 100 kHz. Leistungsinduktivitäten haben meist ±20 %, HF-Spulen ±2 % oder ±5 %.
  • Sättigungsstrom Isat: der Strom, bei dem die Induktivität um einen festgelegten Anteil gesunken ist – je nach Hersteller 10 %, 20 % oder 30 %. Vergleiche nur Werte mit derselben Definition.
  • Nennstrom Irms: der Dauerstrom, bei dem sich die Spule durch die Kupferverluste um eine bestimmte Temperatur erwärmt, meist 40 K. Er hat mit der Sättigung nichts zu tun.
  • Gleichstromwiderstand DCR: der ohmsche Widerstand des Drahts. Er bestimmt die Verluste P = I2 · R und damit Irms.
  • Güte Q und Eigenresonanz SRF: wichtig in HF und Filtern, siehe unten.
Induktivität über dem Strom: Ferrit ohne Luftspalt bleibt erst konstant und bricht dann steil ein, Pulverkern fällt gleichmäßig flach ab; I_sat bei 20 % Abfall markiert
Ein Ferritkern ohne Luftspalt sättigt schlagartig, ein Pulverkern verliert seine Induktivität allmählich.

Die echte Spule ist kein reines L. Ihr Draht hat Widerstand, und benachbarte Windungen bilden kleine Kondensatoren. Das Ersatzschaltbild zeigt beides:

Ersatzschaltbild einer Spule: Induktivität L in Reihe mit dem Drahtwiderstand R_DC, parallel dazu die Wicklungskapazität C_W
Ersatzschaltbild: Der Drahtwiderstand liegt in Reihe, die Wicklungskapazität parallel zur ganzen Spule.

Die Güte vergleicht den induktiven Blindwiderstand mit den Verlusten:

Q = ω · LR = 2 · π · f · LR

Bei höheren Frequenzen ist R deutlich größer als der DCR, weil der Strom durch den Skineffekt an die Drahtoberfläche gedrängt wird und der Kern Verluste beiträgt. Bei der Eigenresonanzfrequenz bildet die Wicklungskapazität mit L einen Parallel-Schwingkreis. Darüber verhält sich die Spule wie ein Kondensator. Sinnvoll einsetzen kannst du sie nur deutlich unterhalb der SRF.

Bauformen

Luftspule, Ringkernspule, radiale Trommelkerndrossel, geschirmte SMD-Leistungsinduktivität und SMD-Chipinduktivität nebeneinander
Von links: Luftspule, Ringkernspule, radiale Drossel, geschirmte SMD-Leistungsinduktivität und HF-Chipspule.
  • Luftspulen sind frei gewickelte Kupferdrahtspulen ohne Kern: linear, verlustarm, aber groß für ihre Induktivität. Du findest sie in HF-Endstufen und Frequenzweichen von Lautsprechern.
  • Ringkernspulen wickelt man auf einen geschlossenen Ring aus Ferrit oder Eisenpulver. Das Feld bleibt fast vollständig im Ring, die Spule streut wenig. Typisch sind Netzfilter und große Drosseln.
  • Trommelkern- und Stabkernspulen tragen die Wicklung auf einem Ferritkörper mit offenem Feldweg. Ohne Abschirmung strahlen sie ein Streufeld ab; geschirmte Varianten haben eine Ferrithülse oder sind in magnetisches Material eingepresst.
  • SMD-Leistungsinduktivitäten sitzen an jedem Schaltregler, von 2 × 2 mm bis über 12 × 12 mm, mit 0,1 µH bis einige 100 µH. Die Bauart beschreibt der Artikel Speicherdrossel.
  • Chip-Induktivitäten in 0402 oder 0603 gibt es als Vielschichtbauteil (gedruckte Leiterschleifen in Keramik oder Ferrit) oder als gewickelte Ausführung mit höherer Güte. Sie liegen im Nanohenry-Bereich und arbeiten in Funk- und Hochfrequenzschaltungen.

Bedrahtete Festinduktivitäten im Widerstandsgehäuse tragen oft einen Farbcode wie Widerstände, mit dem Wert in µH. SMD-Typen haben einen Zahlencode wie „100“ (10 · 10⁰ µH = 10 µH) oder „4R7“ (4,7 µH) – oder gar keine Beschriftung.

Wo Spulen eingesetzt werden

  • Energiespeicher im Schaltregler: Die Spule nimmt in jedem Takt Energie auf und gibt sie an den Ausgang ab, siehe Speicherdrossel.
  • Filter und Entstörung: Mit einem Kondensator bildet sie ein LC-Tiefpass, der die Welligkeit einer Versorgung dämpft. Für Störungen im MHz-Bereich nimmt man meist eine Ferritperle, für Gleichtaktstörungen auf Leitungen eine stromkompensierte Drossel. Hintergründe stehen unter EMV.
  • Schwingkreise und Anpassnetzwerke: in Oszillatoren, Antennenanpassung und Funkfiltern, mit HF-Spulen hoher Güte.
  • Kopplung und Übertragung: Zwei Wicklungen auf einem Kern ergeben einen Übertrager.

Windungszahl berechnen

Für eine selbst gewickelte Spule auf einem Ringkern brauchst du nur den AL-Wert aus dem Datenblatt des Kerns.

Rechner

Induktivität einer Spule

Induktivität L
1,61 µH
Steigung je Windung
1 mm
N = 20 WindungenL = 1,61 µHl = 20 mmd = 10 mm

Einlagige Zylinderspule ohne Kern, Näherung nach Wheeler. Der Durchmesser zählt bis zur Drahtmitte. Auf etwa 1 % genau, solange die Wickellänge mindestens 0,4 · d beträgt. Die Steigung ist der Platz je Windung – der Draht muss hineinpassen.

Für die Gesamtinduktivität mehrerer Spulen gilt dasselbe wie bei Widerständen, solange sie sich nicht magnetisch koppeln, siehe Reihen- und Parallelschaltung von Spulen.

Auswahl und Praxistipps

Gehe bei der Auswahl in dieser Reihenfolge vor: Induktivität und Frequenzbereich festlegen, dann den höchsten Spitzenstrom bestimmen und mit Isat vergleichen, danach den Effektivstrom mit Irms, zuletzt Bauform, Abschirmung und Preis.

Häufige Fehler:

  • Isat und Irms verwechselt: Eine Spule kann thermisch 3 A aushalten und schon bei 2 A sättigen – oder umgekehrt. Beide Grenzen gelten gleichzeitig.
  • Sättigung durch Spitzenstrom: Maßgeblich ist der höchste Momentanwert, nicht der Mittelwert. In einem gesättigten Schaltregler steigt der Strom in Mikrosekunden steil an, bis der Schalttransistor ausfällt.
  • Ungeschirmte Spule neben empfindlichen Leitungen: Das Streufeld koppelt in Analogsignale oder Antennen ein. Nimm geschirmte Typen und führe keine Signalleitungen unter der Spule durch.
  • Zu nah an der SRF betrieben: Eine 10-µH-Spule mit 20 MHz SRF filtert bei 50 MHz nicht mehr, sie wirkt kapazitiv.
  • Unterschiedliche Isat-Definitionen verglichen: 30 % Abfall klingt nach mehr Strom als 10 %, ist aber kein besseres Bauteil.

Selbsttest

Warum steigt die Induktivität mit dem Quadrat der Windungszahl?

Mehr Windungen erzeugen mehr magnetischen Fluss, und dieser Fluss durchsetzt wiederum mehr Windungen – beide Effekte multiplizieren sich: L = AL · N2.

Was ist der Unterschied zwischen Isat und Irms?

Isat ist der Strom, bei dem der Kern sättigt und die Induktivität um einen festgelegten Anteil sinkt; Irms ist der Dauerstrom, bei dem sich die Spule durch Kupferverluste um etwa 40 K erwärmt.

Warum sättigt ein Eisenpulverkern weicher als ein Ferritkern ohne Luftspalt?

Die isolierten Körner bilden einen verteilten Luftspalt; die Permeabilität ist kleiner, sinkt mit steigendem Strom aber allmählich statt schlagartig.

Eine Spule mit 22 µH hat bei 1 MHz einen Verlustwiderstand von 1,4 Ω. Wie groß ist ihre Güte?

XL = 2 · π · 1 MHz · 22 µH ≈ 138 Ω, also Q ≈ 138 / 1,4 ≈ 99.

Was passiert oberhalb der Eigenresonanzfrequenz?

Die Wicklungskapazität überwiegt, die Spule verhält sich wie ein Kondensator und verliert ihre Filterwirkung.