Ein typisches Drehspulmesswerk schlägt schon bei 50 oder 100 µA voll aus, an seinen Anschlüssen liegen dann nur rund 0,1 V. Trotzdem misst dasselbe Instrument mit umgeschaltetem Bereich 600 V oder 10 A. Der Trick ist die Messbereichserweiterung: Ein Vorwiderstand nimmt die überschüssige Spannung auf, ein Nebenwiderstand (Shunt) leitet den überschüssigen Strom am Messwerk vorbei. Beides ist angewandtes Ohmsches Gesetz mit Reihen- und Parallelschaltung.
Kenngrößen des Messwerks
Jedes Messwerk wird durch zwei Werte beschrieben:
- den Vollausschlagstrom IM – der Strom, bei dem der Zeiger am Skalenende steht,
- den Innenwiderstand Ri – den Widerstand der Drehspule samt Zuleitungen.
Daraus ergibt sich die Vollausschlagspannung UM = Ri · IM. Ein Messwerk mit 100 µA und 1 kΩ hat also UM = 0,1 V. Ohne Erweiterung kann es nur bis 0,1 V oder 100 µA messen – mehr würde es überlasten.
Im Vielfachmessgerät schaltet der Bereichswahlschalter deshalb für jeden Spannungsbereich einen anderen Vorwiderstand und für jeden Strombereich einen anderen Shunt zu; die Skala bleibt dieselbe, nur ihr Endwert ändert sich. Wähle den Bereich so, dass der Zeiger möglichst im letzten Drittel steht: Der Ablesefehler und der auf den Endwert bezogene Fehler der Genauigkeitsklasse wiegen dort relativ am wenigsten.
Spannungsbereich erweitern: der Vorwiderstand
Für einen größeren Spannungsbereich schaltest du einen Vorwiderstand RV in Reihe zum Messwerk. Bei Vollausschlag fließt durch beide derselbe Strom IM, am Vorwiderstand fällt die Differenz zwischen Messbereich U und UM ab:
Das Verhältnis n = U / UM heißt Erweiterungsfaktor; dann gilt auch RV = (n - 1) · Ri. Im Beispiel ist n = 100, also RV = 99 · 1 kΩ. Für eine Verdopplung des Bereichs (n = 2) brauchst du also einen Vorwiderstand, der genau so groß ist wie Ri.
Bei analogen Vielfachmessgeräten steht der Kennwiderstand auf der Skala, zum Beispiel „20 kΩ/V“. Er ist der Kehrwert des Vollausschlagstroms (1 / 50 µA = 20 kΩ/V) und sagt dir den Gesamtwiderstand für jeden Bereich: Im 10-V-Bereich hat das Gerät 200 kΩ. Je höher der Kennwiderstand, desto weniger belastet das Voltmeter die Schaltung – siehe Strom- und spannungsrichtiges Messen.
Strombereich erweitern: der Shunt
Für einen größeren Strombereich legst du einen Nebenwiderstand RP (Shunt) parallel zum Messwerk. Der Gesamtstrom I teilt sich auf: IM fließt durchs Messwerk, der Rest IP = I - IM durch den Shunt. Weil beide an derselben Spannung UM liegen, gilt:
Hier ist es umgekehrt wie beim Vorwiderstand: Je größer der Erweiterungsfaktor, desto kleiner der Shunt. Bei n = 2 ist er so groß wie Ri – beide Zweige führen dann den halben Strom.
Shunts für große Ströme sind deshalb oft sehr niederohmig – Milliohm-Werte sind üblich – und müssen die Verlustleistung vertragen. Schon der Übergangswiderstand einer Schraubklemme kann die Messung verfälschen. Industrielle Shunts haben deshalb getrennte Strom- und Messanschlüsse, genau wie bei der Vierleitermessung.
Digitale Messgeräte und große Werte
In digitalen Messgeräten gilt dasselbe Prinzip, nur anders verpackt. Der Analog-Digital-Wandler misst typisch bis 200 mV oder 2 V. Für höhere Spannungen sitzt am Eingang ein Spannungsteiler mit insgesamt etwa 10 MΩ, der je nach Bereich umgeschaltet wird. Ströme werden über eingebaute Shunts in eine Spannung umgesetzt: Im 10-A-Bereich ist das oft ein Shunt von 10 mΩ, an dem bei Vollausschlag 100 mV abfallen. Auch der Tastkopf eines Oszilloskops mit 10:1 ist eine Bereichserweiterung – ein Vorwiderstand von 9 MΩ vor dem 1-MΩ-Eingang.
Für sehr hohe Spannungen und Ströme in der Energietechnik nutzt man Messwandler: Spannungswandler und Stromwandler sind Transformatoren mit genau bekanntem Übersetzungsverhältnis, die den Messkreis zugleich galvanisch vom Netz trennen.
Selbsttest
Wie wird ein Vorwiderstand zum Messwerk geschaltet und wozu?
In Reihe; er erweitert den Spannungsmessbereich, indem er die überschüssige Spannung aufnimmt.
Ein Messwerk hat 1 mA und 100 Ω. Wie groß muss der Shunt für 10 A sein?
UM = 0,1 V; RP = 0,1 V / 9,999 A ≈ 10 mΩ.
Was bedeutet die Angabe 20 kΩ/V auf einem Zeigerinstrument?
Den Kennwiderstand: In jedem Spannungsbereich hat das Gerät 20 kΩ pro Volt Messbereich, im 10-V-Bereich also 200 kΩ.